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Vorschlag zum "Unwort des Jahres": "Zielgleiche Inklusion" // 09.2014....

Die LAG BW GLGL hat die Wortschöpfung der "zielgleichen Inklusion" als "Unwort des Jahres 2014" vorgeschlagen. Lesen Sie hier unsere Begründung:

Sehr geehrte Damen und Herren,
hiermit möchten wir als Landesarbeitsgemeinschaft Baden-Württemberg "Gemeinsam leben - gemeinsam lernen" e.V., vertreten durch mich als Vorsitzende, folgendes Wort als "Unwort des Jahres" vorschlagen: "zielgleiche Inklusion".
Diese Formulierung ist in diesem Jahr vor allem in Baden-Württemberg im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung um eine inklusive Klasse an einem Gymnasium in Walldorf/Baden aufgetaucht. Dort ist es dem Gymnasium gelungen, ein Kind mit Down-Syndrom abzuweisen, während man die Kinder mit einer Körperbehinderung aufgenommen hat.

"Inklusion" ist ein Begriff, mit dem in Deutschland eine internationale Verpflichtung umgesetzt wird, und zwar die der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (BRK), die in Deutschland 2009 in Kraft getreten ist. Die BRK ist schulstrukturneutral und unterscheidet nicht zwischen verschiedenen Behinderungen, sondern sieht eine schulische Gleichbehandlung von Schülerinnen und Schülern mit Behinderungen durch Schaffung "angemessener Vorkehrungen" vor.

In der aktuellen Diskussion geht es aber nicht um die unterschiedliche Ausgestaltung dieser individuellen Vorkehrungen, sondern darum, zieldifferente Beschulung am Gymnasium grundsätzlich in Frage zu stellen oder zu unterbinden, also völlig unabhängig vom Einzelfall. Nur wer dem Unterrichtsstoff folgen könne, solle dort lernen dürfen, vgl. auch:
http://www.change.org/p/erhalten-sie-das-gymnasium-als-schule-mit-zielgleicher-inklusion

Der Begriff "zielgleiche Inklusion" ist der Versuch, Inklusion im deutschrechtlichen Kontext so stark aufzuweichen, dass sie sich mit dem nach Leistung ausdifferenzierten deutschen Bildungssystem vereinen lässt. Das Kriterium einer bestimmten "Leistungserfüllung", das das deutsche Schulsystem prägt, ist aber mit dem völkerrechtlichen Inklusionsbegriff der BRK nicht vereinbar, darf also bei der Inklusion von Schülerinnen und Schülern, die aufgrund ihrer Behinderung den Leistungsanforderungen an keiner allgemeinen Schule und Schulart entsprechen können, keine Anwendung finden.
In diesem Gebrauch wird also der Begriff der Inklusion pervertiert, weil er eine Unterscheidung vorsieht, die dem Begriff an sich fremd ist und widerspricht. "Zielgleiche Inklusion" ist ein Paradoxon.
Es gibt "zielgleiches Lernen" oder "zielgleichen Unterricht", nicht aber "zielgleiche Inklusion". Diese wichtige Unterscheidung ist, weil von den Schulen bewusst anders verwendet, auch vielen Medien im deutschen Sprachraum nicht klar. Dass das Gymnasium, das sich fünf Jahre nach dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention so vehement gegen ein Kind mit Behinderung gewehrt und einen "inklusiven Schulversuch" abgelehnt hat, jetzt von einer "zielgleichen Inklusionsklasse" spricht, erleben wir nicht nur als irreführend, sondern auch als einen Schlag ins Gesicht aller Eltern von Kindern mit ganz unterschiedlichen Behinderungen und uns als deren Selbstvertretungsorganisation.
Auch in anderen Bundesländern wird der Begriff der "zielgleichen Inklusion" inzwischen dafür verwendet, inklusive Gruppenlösungen, die staatliche Stellen an Gymnasien einrichten wollen, von vorne herein in Frage zu stellen oder zu verhindern:
http://www.nw-news.de/owl/kreis_hoexter/warburg/warburg/10360076_Sorgen_um_
Inklusion_an_Gymnasien.html

Wir halten das für eine gefährliche Tendenz, denn, sollten sich die Schulen durchsetzen, ist die Umsetzung der BRK in Deutschland gefährdet. In anderen Ländern, die ein inklusives Schulsystem haben, gibt es diese Versuche, bestimmte Behinderungen lediglich bestimmten Schultypen bzw. Leistungsanforderungen zuzuordnen, nicht.
Inklusion ist ein großes gesellschaftliches Thema, das Deutschland die nächsten Jahre und Jahrzehnte beschäftigen wird. Sprache ist hierbei ein wichtiger Faktor, vor allem bei der Bewusstseinsbildung. Wir können und sollten nicht zulassen, dass der Begriff der Inklusion durch die Hinzufügung von bestimmten Adjektiven in sein Gegenteil verkehrt wird und wieder separierende Strukturen in Deutschland befördert bzw. das immer noch vorhandene separierende Denken wiederspiegelt.

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